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    Warum Privatsphäre kein Luxus ist

    Am 7. Januar fand in Paris ein Anschlag in der Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo statt, am 15. Januar startete die belgische Polizei einen Zugriff auf eine Terrorzelle in Verviers. Wenige Stunden später verschärfte das Auswärtige Amt seinen Reisehinweis für Brüssel. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch keine zwei Wochen in der Stadt.

    Es ist schon ein bedrückendes Gefühl, wenn etwas, das doch eigentlich weit weg von mir im Fernseher und auf den Seiten der Tageszeitung verstaut bleiben sollte, plötzlich doch real auftaucht. Meine gefühlte Sicherheit wurde von den Polizisten und Militärs mit Maschinengewehren, die zum Glück real in Brüssel viel seltener sind als es im Fernsehen aussieht, auch nur bedingt erhöht.

    Wenn jetzt aber nach jedem Anschlag wieder die Forderung nach mehr Überwachung, lückenloserer Überwachung und tiefer in die Privatsphäre eindringender Überwachung aufkommt (Grüße an die CDU), dann verkennen Politiker nicht nur ganz schnöde Tatsachen wie dass Frankreich bereits seit 2006 die Vorratsdatenspeicherung hat, sondern auch dass ein mehr an (gefühlter) Sicherheit immer einen Preis hat.

    Der Preis ist, in den meisten Fällen, unsere Freiheit und unsere Privatsphäre. Ist Privatsphäre aber in Zeiten von Facebook nicht nur ein überflüssiger Luxus?

    Aus wissenschaftlicher Perspektive betrachtet, wirkt sich Überwachung (also der Verlust von Privatsphäre) auf das tägliche Leben der Menschen aus, ob wir es wollen oder nicht (und völlig unabhängig davon ob wir verbotene Dinge tun oder nicht). Unbewusst passen wir unser Verhalten der wahrgenommenen gesellschaftlichen Norm an und unterdrücken alles, was abweichen könnte.

    Ein Beispiel: Wir haben sie alle, unsere Guilty Pleasures: Dinge die uns privat in Jogginghose auf der Couch unheimlich Spaß machen, die wir bei einer Cocktailparty aber eher unerwähnt lassen würden. Eine meiner Guilty Pleasures heißt „Hell’s Kitchen“, eine Kochcastingshow in der eher Gordon Ramsay und seine Art die Teilnehmer während des Dinner Service zur Sau zu machen als das eigentlich Kochen im Vordergrund steht.

    Würde jedoch jede meiner Sehgewohnheiten automatisch einen facebookpost auslösen, würde ich (und die meisten anderen) wahrscheinlich zweimal überlegen, ob ich diese Show anschalte.

    Der Grund ist simpel: Wir wollen die Kontrolle über unsere öffentliche Identität behalten. Verlieren wir diese, werden wir gezwungen unsere private Identität, unser Inneres, anzupassen, um ein Stück dieser Kontrolle zurückzugewinnen. Wir alle kontrollieren und treffen Entscheidungen über unsere öffentliche Identität. Indem wir darüber entscheiden, was in unseren Lebenslauf kommt, was wir anderen Menschen erzählen, indem wir nur die gelungenen Urlaubsfotos und nicht die mit dem Doppelkinn posten, indem ich hier entscheide, welche meiner Gedanken ich aufschreibe und welche nicht.

    Unsere Privatsphäre schützt uns vor Kontrollverlust über unsere Identität und Überwachung versucht genau das auszuhebeln.

    Wenn nun nach mehr Überwachung geschrien wird, schaffen wir nicht nur langsam aber sicher das Recht eines jeden einzelnen auf Privatsphäre ab, wir erhöhen auch noch etwas ganz anderes: das Risiko für Missbrauch. Zwei Sprichwörter fassen das Ganze  treffend zusammen:

    Quis custodiet custodes ipsos? – Wer wacht über die Wächter?

    – Juvenal

    Absolute power corrupts absolutely.

    – John Emerich Edward Dalberg Acton

    Informationen sind Macht und Überwachung spielt dem Staat (oder Unternehmen) eine unfassbare Menge an Daten und Informationen über seine Bürger zu. Privatsphäre ist genau deshalb so wichtig. Ohne sie werden die Daten missbraucht werden, sei es um sie zu verkaufen, um Menschen zu manipulieren oder um Gegner auszuspähen.

    Es heißt, man müsse die öffentliche Sicherheit wahren. Die öffentliche Sicherheit heißt auch Schutz der Bürger vor dem Staat und nicht nur Schutz des Staates vor seinen Bürgern.

    PS: Inspiration für diesen Beitrag hat insbesondere Bruce Schneier mit seinem TED Talk über gefühlte Sicherheit und seinem Essay über den Wert der Privatheit geliefert. Auch wenn ich nicht direkt auf Vorratsdatenspeicherung eingehe, ist sein Beitrag über Data Mining so gut, dass ich ihn hier nicht auslassen möchte. Besonders für die etwas Technikaffineren ist seine Website sicher einen Besuch wert.

    Beitragsbild: Quelle (Creative Commons)

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